Mit dem Beginn der neuen Balkonsaison wird es Zeit, ein paar mehr Nordbalkonbewohnerinnen vorzustellen. Den Anfang machte letztes Jahr ganz unverhofft Bierfried Bierschnegel, allerdings trägt der ursprünglichste regelmäßige Nordbalkonbesuch Pelz und summt von März bis Oktober wie beschwipst von Blüte zu Blüte: Vorhang auf für die Hummeln!
Meine runden Lieblingsinsekten können meinen kühlen Waldbalkon gut vertragen und sind daher in vielen Farben und Größen vertreten. Ob Ackerhummeln, Erdhummeln, Wiesenhummeln, Steinhummeln oder Gartenhummeln – irgendeine Hummel schwirrt eigentlich immer durch die Luft, weshalb es höchste Zeit wird, sie einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Inhalt
- Die Hummeln und ich
- Aus dem Leben einer Hummel
- Klein, aber oho
- Die kleinen, runden Intelligenzbolzen
- Warum wir Hummeln brauchen
1. Die Hummeln und ich
Wann mir zum ersten Mal in meinem Leben eine Hummel über den Weg geflogen ist, weiß ich nicht mehr. Wohl aber erinnere ich mich daran, wie ich als Kind meine erste Hummel gestreichelt habe: Es war einer jener endlos scheinenden Sommertage in den frühen 90ern, und ich spielte mit den Nachbarkindern im Nachbargarten. Ehe wir es uns versahen, wurden wir von einem warmen Sommerregen überrascht – und wir waren nicht die einzigen… Unter einer Kugeldistel direkt neben mir sah ich ein rundes flauschiges Etwas am Stängel sitzen: eine dicke Gartenhummel suchte Schutz vor den sommerlichen Wassermassen. Ich konnte nicht widerstehen und streckte vorsichtig meinen Finger aus, der bald auf ihren feuchten Pelz traf und ihn andächtig streichelte. Bis heute ist mir dieses besondere Aufeinandertreffen im Gedächtnis geblieben, und schon das entfernte Brummen einer jeden Hummel lässt mein Herz eine wenig höher schlagen.
Und so ist es auch kein Wunder, dass ich meine winzigen 2,4 Quadratmeter ganz in den Dienste der Hummelwelt gestellt habe und Hummeln zu den Stammgästen auf meinem Nordbalkon gehören. Schon die eine oder andere Hummelkönigin hat auf meinem Balkon gerastet, schon das eine oder andere Mitglied eines Hummelvolks hat am Fuße einer Blüte oder am Klettergerüst des Wilden Weins nach emsigem Blütenflug ein kleines Nickerchen eingelegt.
Mit der Zeit haben sich einige pelzige Stammgäste herauskristallisiert:
- Ackerhummel (Bombus pascuorum)
- Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris)
- Wiesenhummel (Bombus pratorum)
- Steinhummel (Bombus lapidarius)
- Gartenhummel (Bombus hortorum)
(Falls du dich jetzt fragst, wer hier eigentlich genau über meinen Balkon summt: Auf wildbienen.de gibt es wunderbare Steckbriefe zu den einzelnen Hummelarten.)


Links: Der wilde Nordbalkon lockt mit vielen Blüten.
Rechts: Eine Ackerhummel besucht das Echte Herzgespann.
2. Aus dem Leben einer Hummel
An einem kalten Apriltag trat ich wie jeden Morgen auf meinen Balkon, vor mir jede Menge Blattgrün und einige Frühlingsblüten: Die lila-rosa Blüten des Gefleckten Lungenkrauts, die weißen sternförmigen Blüten des Bärlauchs, einige Traubenhyazinthen, die zarte Frühlings-Platterbse und das leuchtende Gelb der Wiesenschlüsselblume begrüßen mich. Der ewige Balkonsoundtrack: Flugzeuge, die über der Stadt dröhnen und schreiende, juchzende Kinder auf dem Spielplatz ein paar Häuser weiter, nur unterbrochen von einigen Meisen, die sich im Baum gegenüber zanken.
Doch dann mischte sich ein tiefes Brummen in den üblichen Stadtlärm und ich horche auf: Könnte es die erste Hummel der Saison sein? Königlicher Besuch auf meinem Nordbalkon? Ich rollte den roten Teppich aus – und drüber flog eine riesige Gartenhummel! Doch statt meine Blüten anzusteuern, ließ sie sich neben die leuchtende Schlüsselblume plumpsen und blieb dort regungslos liegen. Sie schien sichtlich erschöpft zu sein.
Kein Wunder. Hinter ihr lag ein langer Winter – allein, unter der kalten Erde. Und vor ihr: eine ziemlich große Aufgabe. Diese Hummel war keine gewöhnliche Besucherin, sondern eine Königin. Und das bedeutet bei Hummeln vor allem eines: alles selbst machen.
Sie musste nun einen geeigneten Nistplatz finden – irgendwo zwischen Wurzeln, Moospolstern oder alten Mäusenestern. Keine leichte Aufgabe in der Stadt, wo gute Verstecke rar sind und oft schon belegt.
Hat sie erst einmal ein Zuhause gefunden, beginnt im Verborgenen ihr eigentliches Werk: Sie legt die ersten Eier und versorgt ihren Nachwuchs zunächst allein, bis nach einigen Wochen die ersten Arbeiterinnen schlüpfen und den Blütenflug übernehmen. Im Laufe des Sommers wächst das Volk heran – bis schließlich neue Königinnen entstehen, die den Winter überdauern und im nächsten Jahr selbst wieder von vorne beginnen.
Meine Gartenhummel-Königin hatte ihr Nickerchen unterdessen beendet und steuerte mein prächtig blühendes Lungenkraut an, um sich für ihren Weiterflug zu stärken. Das Lungenkraut ist ein echter Hummelliebling – aber auch viele meiner anderen Stauden stehen hoch im Kurs. Besonders Lippenblütler wie Salbei, Ziest oder Nesseln und Korbblütler wie Flockenblumen oder Kornblumen werden zuverlässig angeflogen. Zum Glück finden sie davon auf meinem Balkon mehr als genug.
Mein royaler Besuch hob schließlich wieder ab – in ihrem ganz eigenen, leicht taumelnden Hummel-Flugstil –, und ich winkte ihr hinterher – in der Hoffnung, dass ich ihre Nachfahren bald auf meinem wilden Nordbalkon begrüßen darf.





Von oben links im Uhrzeigersinn: Ackerhummel auf Kornblume, Ackerhummel auf Wiesenklee, Gartenhummel im Fingerhut, Wiesenhummel auf Berg-Flockenblume, Steinhummel an Wilder Malve
3. Klein, aber oho
Auch wenn sie mit ihrem manchmal etwas eigenwilligen Flugstil auf den ersten Blick eher wie flauschige Tollpatsche wirken – die Hummeln auf meinem Balkon sind in Wahrheit kleine Superheldinnen. Zwar tragen sie keine Capes (und ehrlich gesagt würden die beim Fliegen wohl eher stören), doch ihre Fähigkeiten stehen denen so mancher heldenhaften Comicfigur in nichts nach.
Schon ihre Flugkünste sind bemerkenswert: Trotz ihres runden Körpers und der scheinbar viel zu kleinen Flügel legen sie mühelos weite Strecken zurück – manchmal mehrere hundert Meter, manchmal sogar Kilometer – und finden am Ende doch zielsicher wieder zurück.
Während andere Insekten längst kapitulieren, sind Hummeln außerdem schon bei Temperaturen ab 2 bis 3 Grad unterwegs. Selbst an kühlen Frühlingstagen, wenn ich noch fröstelnd in meine Jacke schlüpfe, brummen sie unbeirrt von Blüte zu Blüte – warm gehalten durch ihre eigene Muskelkraft.
Und dann ist da noch ihr ganz eigener Trick: die Vibrationsbestäubung. Hummeln klammern sich an eine Blüte und versetzen sie durch schnelles Zittern ihres Körpers in Schwingung, sodass der Pollen regelrecht herausgeschüttelt wird – ein kleines Erdbeben im Blütenkelch.
Nicht jede Blüte gibt ihren Nektar allerdings so bereitwillig preis. Manche sind tief oder schwer zugänglich – doch auch dafür haben Hummeln eine Lösung: Sie beißen einfach ein kleines Loch hinein und bedienen sich direkt. Ein bisschen frech, aber äußerst effektiv.
Und selbst im Kleinen zeigen sie erstaunliches Feingefühl: Bereits besuchte Blüten markieren sie mit einem Duftstoff, den sie über ihre Füße abgeben. So wissen andere Hummeln sofort, dass sich ein weiterer Besuch gerade nicht lohnt – eine stille Form der Kommunikation mitten im Blütenmeer.

4. Die kleinen, runden Intelligenzbolzen
Und mein Loblied auf meine flauschigen Lieblingsinsekten ist damit noch lange nicht vorbei. Diverse Experimente mit Hummeln haben nämlich gezeigt, dass sie richtig kluge Köpfchen sind.
In einem Experiment an der Queen Mary University of London aus dem Jahr 2016 lernten Hummeln, an einer Schnur zu ziehen, um eine Art künstliche Blüte mit Zuckerwasser unter einer Plexiglasscheibe hervorzuziehen. Und nicht nur das: Die Hummeln beobachteten sich gegenseitig beim Lösen der Aufgabe und lernten voneinander. So verbreitete sich die Fähigkeit, an der Schnur zu ziehen schnell in der ganzen Kolonie und wurde sogar auf andere Kolonien übertragen. Hummeln können also nicht nur durch Beobachtung lernen, sondern ihr Wissen auch weitergeben.
In einem weiteren Experiment sollten Hummeln kleine Holzkugeln in ein Ziel rollen, um eine Belohnung in Form von Zuckerwasser zu erhalten. Selbst als das Experiment ohne Belohnung fortgeführt wurde, rollten die beteiligten Hummeln den Ball weiterhin sicher ins Ziel. Sie lernten voneinander, und einige nahmen sogar Abkürzungen. Besonders junge und männliche Hummeln fanden Gefallen an dem Ballspiel – was von den Wissenschaftler:innen als Spielverhalten gewertet wurde. (Falls du dir das gerade schwer vorstellen kannst: Es gibt tatsächlich Aufnahmen davon – und ja, es ist ungefähr so niedlich, wie es klingt.)
Die Moral von der Geschichte? Hummeln haben ganz schön was auf dem Kasten – und offenbar sogar eine Schwäche für Ballsport. Als ich als Kind meine erste Hummel gestreichelt habe, dachte ich vor allem daran, wie flauschig sie sich anfühlt. Dass ich es dabei mit kleinen, runden Superheldinnen zu tun hatte, war mir damals nicht bewusst – sonst hätte ich vermutlich noch viel öfter Hummeln gestreichelt.
Weitere Inspiration für deinen Naturbalkon
- 12 schattenverträgliche Stauden für Hummeln → Eine Auswahl bewährter Pflanzen, die auch auf Nord- und Schattenbalkonen Hummeln anziehen
- Wilde Balkonfrage: Warum sind Hummeln so rund? → Spannende Einblicke in die Biologie der Hummeln – und warum ihre Form ein echter Vorteil ist
- Hummelliebe: Eine Fotostrecke vom Nordbalkon → Eindrücke von Hummeln auf meinem Balkon – wer hier unterwegs ist und wo sie landen
- Balkonplanung leicht gemacht (Teil 3): Naturnaher Nordbalkon → Wie du deinen Balkon strukturiert planst und Schritt für Schritt in einen Lebensraum für Insekten verwandelst







Schreibe einen Kommentar