Nordbalkonbewohner: Schwebfliegen

Eine der ersten Nordbalkonbesucher:innen dieses Jahr schwebte eines Tages plötzlich neben den leuchtend gelben Blüten des Wolligen Hahnenfuß. Im Gegensatz zu meinen Balkonhummeln, deren Brummen ich schon von Weitem höre, gestaltete sich dieser Besuch aber äußerst lautlos und unaufgeregt. Die Rede ist von keiner anderen als der Hainschwebfliege, die ein häufiger Gast auf Balkonen und in Gärten und auch auf meinem wilden Nordbalkon ist.

Sie ist eine von über 460 Schwebfliegenarten in Deutschland, und gehört zu einer sehr faszinierenden Gruppe von Insekten wie ich jüngst bei einem tollen Vortrag von Christiane Denzel auf dem 18. Bio-Balkon-Kongress wieder mal lernen durfte.

Umso glücklicher bin ich, dass einige Schwebfliegen auch auf meinem Nordbalkon ein- und ausschweben. Die kleinen Flugkünstler:innen sind nicht nur wichtige Bestäuber:innen, sondern überraschen auch mit erstaunlichen Fähigkeiten und Lebensweisen. Höchste Zeit also, einen genaueren Blick auf diese faszinierenden Nordbalkonbewohner:innen zu werfen.

Inhalt

  1. Kleine Flugkünstler mit Tarnanzug
  2. Schwebfliegen als heimliche Gartenhelfer:innen
  3. Erstaunliche Lebensweisen
  4. Schwebfliegen auf meinem Nordbalkon
  5. So kannst du Schwebfliegen fördern

1. Kleine Flugkünstler:innen mit Tarnanzug

m Gegensatz zum tollpatschigen und relativ lauten Flug der Hummeln halten sich Schwebfliegen gerne dezent im Hintergrund und ich muss zugeben, dass sie mir oft nur zufällig und dadurch auffallen, dass ich eine minimale Bewegung am Augenwinkel wahrnehme. Denn Schwebfliegen können geradezu in der Luft stehen. Mit bis zu mehreren hundert Flügelschlägen pro Sekunde und einigen besonderen Flugfertigkeiten sind sie wahre Flugkünstler:innen unter den Insekten.

Sie können nicht nur auf der Stelle schweben, sondern auch abrupt die Richtung wechseln, seitwärts oder sogar rückwärts fliegen. Mit ihren großen Facettenaugen verharren sie dabei oft scheinbar regungslos in der Luft und scannen aufmerksam ihre Umgebung nach Nahrung, Artgenoss:innen oder geeigneten Eiablageplätzen.

Aufgrund ihres Aussehens werden Schwebfliegen häufig mit Wespen oder Bienen verwechselt – und das ist durchaus beabsichtigt. Viele Arten bedienen sich der sogenannten Mimikry, also der Nachahmung anderer Tiere zum eigenen Schutz. Mit ihren gelb-schwarzen Streifen erinnern sie an wehrhafte Wespen oder Bienen und werden deshalb von potenziellen Fressfeinden oft gemieden. Dabei sind Schwebfliegen vollkommen harmlos: Sie besitzen weder einen Stachel noch können sie stechen.

Mimikry ist in der Insektenwelt übrigens weit verbreitet und ein faszinierendes Beispiel dafür, wie sich Arten im Laufe der Evolution an ihre Umwelt angepasst haben.

2. Schwebfliegen als heimliche Gartenhelfer:innen

Der Besuch von Schwebfliegen löst bei mir immer besondere Freude aus, denn sie gehören zu den wichtigsten Bestäuber:innen überhaupt. Oft wird vor allem Honigbienen die Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen zugeschrieben. Tatsächlich ist die Gruppe der Bestäuber:innen jedoch deutlich größer und umfasst neben Wildbienen auch Schmetterlinge, Käfer, Fliegen und eben Schwebfliegen.

Die erwachsenen Schwebfliegen ernähren sich von Nektar und Pollen verschiedener Pflanzen. Da Schwebfliegen nur einen relativ kurzen Saugrüssel besitzen, können sie im Gegensatz zu manchen Hummeln oder Schmetterlingen nicht auf jede Blüte zugreifen. Besonders beliebt sind daher offene Blüten, an denen sie leicht an Nahrung gelangen können. Dazu zählen beispielsweise Korbblütler wie Echte Kamille, Kornblumen, Margeriten oder Färberkamille, aber auch viele Doldenblütler wie Wilde Möhre, Sterndolde und Giersch.

Die Anwesenheit von Schwebfliegen gibt aber noch einen weiteren Anlass zur Freude. Denn wo viele Schwebfliegen unterwegs sind, geht es den Blattläusen der Umgebung vielleicht bald an den Kragen. Die Larven vieler Schwebfliegenarten ernähren sich nämlich mit Vorliebe von Blattläusen und können im Laufe ihrer Entwicklung mehrere Hundert davon vertilgen. Wer also gelegentlich Blattläuse auf seinen Pflanzen entdeckt, sollte nicht sofort in Panik geraten. Oft dauert es gar nicht lange, bis sich natürliche Gegenspieler:innen wie Schwebfliegenlarven (und viele andere) einstellen und das Problem auf ihre Weise lösen.

3. Erstaunliche Lebensweisen

Apropos Larven: Der Lebenszyklus der meisten Schwebfliegen beginnt mit der Eiablage. Die Weibchen suchen gezielt geeignete Orte aus, an denen ihre Nachkommen später ausreichend Nahrung finden. Aus den Eiern schlüpfen nach wenigen Tagen die Larven, die sich je nach Art sehr unterschiedlich ernähren und entwickeln.

Während die Larven vieler Schwebfliegenarten Blattläuse jagen und damit zu den wichtigsten natürlichen Gegenspielern dieser Pflanzenläuse gehören, haben andere Arten ganz andere Lebensweisen entwickelt. Die Larven der Mistbiene leben beispielsweise in schlammigen, nährstoffreichen Gewässern oder Pfützen. Dort ernähren sie sich von Mikroorganismen und zersetztem organischem Material. Wegen ihres langen Atemrohres werden sie auch „Rattenschwanzlarven“ genannt. Andere Schwebfliegenarten entwickeln sich in vermoderndem Holz, Pflanzenresten oder in feuchten Laubschichten. Wieder andere leben räuberisch und machen Jagd auf Blattläuse, Schildläuse oder andere kleine Insekten.

Diese erstaunliche Vielfalt an Lebensweisen erklärt auch, warum Schwebfliegen in ganz unterschiedlichen Lebensräumen vorkommen – von Feuchtgebieten über Wälder bis hin zu naturnahen Gärten und Balkonen.

Besonders faszinierend finde ich jedoch, dass viele Schwebfliegenarten echte Langstreckenflieger:innen sind. Arten wie die Hainschwebfliege zählen zu den wichtigsten Insektenwanderer:innen Europas. Jedes Jahr legen sie teils mehrere hundert bis über tausend Kilometer zurück und überqueren dabei sogar Gebirge wie die Alpen oder die Pyrenäen. Im Frühjahr wandern sie aus südlicheren Regionen nach Norden ein, während sich im Herbst viele Tiere wieder auf den Weg in wärmere Gebiete machen. Für ein so kleines Insekt ist das eine erstaunliche Leistung!

Hainschwebfliege auf Wald-Storchschnabel

Die Hainschwebfliege genießt die Waldatmosphäre auf dem Wald-Storchschnabel.

4. Schwebfliegen auf meinem Nordbalkon

Dank ihrer unterschiedlichen Lebensweisen sind Schwebfliegen natürlich auch in schattigen Lebensräumen wie Wäldern zuhause. Und auch auf meinem Nordbalkon mangelt es nicht an Nahrung in Form von Nektar, Blattläusen und Totholz.

Ab Mai schweben sie bei mir mit ihrer besonderen Akrobatik durch die Luft und inspizieren das Blühangebot auf meinen 2,4 Quadratmetern. Zu den Arten, die ich bislang auf meinem Nordbalkon beobachten und fotografieren konnte, gehören unter anderem:

  • Hainschwebfliege
  • Späte Großstirnschwebfliege
  • Mistbiene
  • Gemeine Feldschwebfliege

Nachtviole, Echte Kamille, Wald-Storchschnabel, Wolliger Hahnenfuß, Wald-Habichtskraut, Schmuckkörbchen, Frauenmantel sowie Große Sternmiere gehören für mich zu den zuverlässigsten Schwebfliegenmagneten auf meinem Nordbalkon.

Von links im Uhrzeigersinn: Mistbiene auf Schmuckkörbchen, Hainschwebfliege auf Wald-Storchschnabel, Gemeine Feldschwebfliege auf Nachtviole, Späte Großstirnschwebfliege auf Kornblume

5. So kannst du Schwebfliegen fördern

Zum Glück lassen sich Schwebfliegen relativ leicht auf den Balkon locken – vor allem dann, wenn du naturnah gärtnerst und der Tierwelt ein wenig Raum lässt.

  • Offene und ungefüllte Blüten pflanzen: Schwebfliegen lieben gut zugängliche Blüten, an denen sie leicht an Nektar und Pollen gelangen, etwa Korb- und Doldenblütler. Besonders beliebt sind offene, ungefüllte Blüten, da stark gefüllte Zuchtformen für viele Insekten kaum noch Nahrung bieten.
  • Möglichst heimische Pflanzen verwenden: Heimische Wildstauden und Wildblumen sind oft deutlich wertvoller für Insekten als viele exotische Zierpflanzen.
  • Auf Pestizide verzichten: Insektizide schaden nicht nur „Schädlingen“, sondern oft auch vielen nützlichen Insekten wie Schwebfliegen. Wer naturnah gärtnert, sollte deshalb komplett auf chemische Mittel verzichten.
  • Wilde Ecken zulassen: Nicht jeder Balkon muss geschniegelt und perfekt aufgeräumt sein. Totholz, Pflanzenreste, etwas Moos oder dicht bewachsene Bereiche schaffen kleine Rückzugsorte und fördern die Artenvielfalt.
  • Blattläuse nicht sofort bekämpfen: So nervig Blattläuse manchmal wirken: Die Larven vieler Schwebfliegenarten ernähren sich von ihnen und helfen dabei, die Population auf natürliche Weise zu regulieren. Ein kleiner Blattlausbefall ist deshalb gar kein Grund zur Panik.

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Ich bin Patricia

Porträtfoto von Patricia Bobak

Willkommen auf meinem winzigen, wilden Nordbalkon! 🌱 Auf 2,4 Quadratmetern habe ich mir ein naturnahes Paradies geschaffen – trotz (oder gerade wegen) der Schattenlage. Mit diesem Blog möchte ich zeigen: Auch Nordbalkone können summen, blühen und einen wichtigen Lebensraum bieten. Lass dich inspirieren und entdecke, wie schön das Gärtnern im Schatten sein kann!

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