Als ich meinen letzten Artikel über die Stauden-Neuzugänge 2026 auf meinem Nordbalkon schrieb, fiel mir plötzlich etwas auf: Die überwiegende Mehrheit meiner neuen Pflanzen blüht violett oder pink.
Und nicht nur auf meinem Balkon scheint diese Farbe zu dominieren. Wer sich durch Online-Shops für heimische Stauden klickt, stößt immer wieder auf dieselben Farbtöne: Glockenblumen, kriechender Günsel, Lungenkraut – viele dieser Pflanzen blühen in Lila- oder Violetttönen. Auch Rosa und Pink sind auffallend häufig vertreten.
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr drängte sich mir eine Frage auf:
Warum sind eigentlich so viele Blüten violett oder pink?
Und schwupps verschluckte mich – wie so oft – das „Rabbit Hole“ des Pflanzenwissens. Dabei kam mir eine Idee: Warum nicht eine kleine Fragenserie rund um die wilde Balkonwelt starten? Eine Reihe für all die kuriosen, spannenden oder überraschenden Fragen über Pflanzen, Insekten und das Leben auf dem Balkon.






Die kurze Antwort
Für uns Menschen ist die Welt bunt: Wir sehen grüne saftige Wiesen im Park ums Eck, den orange-roten Bauch des Rotkehlchens in unserem Garten, die lila Blüten der Glockenblumen im Nachbargarten, den blauen Himmel über uns, der von weißen Schäfchenwolken bevölkert wird.
Doch für Insekten sieht die Welt völlig anders aus. Eine Biene fliegt nicht durch unsere Farbenwelt – sondern durch eine, die für uns teilweise unsichtbar bleibt. Sie nimmt Blau und Grün zwar wie wir wahr. Doch statt Rot sieht sie ultraviolettes Licht.
Viele Blüten, die für uns einfach nur violett erscheinen, wie die der oben genannten Glockenblumen, leuchten für sie in zusätzlichen Mustern und Kontrasten, die wir nie sehen werden. Manche tragen sogar unsichtbare „Landebahnen“ – sogenannte Nektarleitlinien –, die Biene und andere Insekten direkt zum Nektar führen oder die ihnen verraten, ob es überhaupt Nektar zu holen gibt.
Doch um zu verstehen, wie sich Pflanzen und ihre Blüten an ihre Bestäuber anpassten, müssen wir in eine weit entfernte Zeit zurückreisen: Die ersten Blütenpflanzen entstanden nämlich vor etwa 130 Millionen Jahren. Ihre Bestäuber waren des aktuellen Forschungsstands zufolge noch wenig spezialisiert und umfassten verschiedene Insekten wie Käfer, Fliegen oder frühe wespenartige Arten.
Im Laufe der Evolution begann ein stilles Wettrennen. Pflanzen entwickelten nach und nach Farben, die besser zu den Sehgewohnheiten ihrer immer vielfältigeren Bestäuber passten. Denn: Neben den schon erwähnten Bienen besitzen die meisten bestäubende Insekten wie etwa Schmetterlinge, Schwebfliegen und viele mehr Rezeptoren für ultraviolettes Licht, Blau und Grün während Rot für sie nicht sichtbar ist.
Farben im Blau- und UV-Bereich, also auch Violett- und Pinktöne, erzeugen daher einen besonders starken visuellen Reiz. Blüten, die solche Farben reflektierten, wurden leichter gefunden und häufiger bestäubt – ein klarer evolutionärer Vorteil. Über Millionen von Jahren setzten sich diese Farben also immer stärker durch.

Eine Ackerhummel besucht die violette Wilde Malve.
Neben der besseren Sichtbarkeit könnten zudem auch die Vorlieben der Bestäuber selbst eine Rolle spielen: Studien mit Hummeln zeigen, dass violette Blüten für sie besonders lohnend sein können. In Experimenten sammelten Kolonien mit einer Vorliebe für violette Blüten mehr Nektar als andere. Solche Präferenzen können sich ebenfalls im Laufe der Evolution verstärken – weil sie das Überleben sichern.
Wenn uns also beim nächsten Spaziergang oder beim Gang auf den eigenen Balkon besonders viele violette Blüten ins Auge fallen, steckt dahinter kein Zufall – sondern Millionen Jahre Evolution und eine Farbenwelt, die für Insekten noch viel intensiver leuchtet als für uns.
Lesetipps zur wilden Balkonfrage
Wenn du tiefer in das Thema eintauchen möchtest, findest du hier ein paar spannende Beiträge zur Farbwahrnehmung von Bienen und anderen Insekten:
- Wie Bienen die Welt sehen – Kurzvideo des MDR über die Farbwahrnehmung von Bienen und ihre Fähigkeit, ultraviolettes Licht zu erkennen
- Wie Bienen Blüten sehen – Fotoprojekt von GEO, das mithilfe spezieller Kameratechnik zeigt, wie Blüten im ultravioletten Bereich erscheinen
- Karl von Frisch (1965): Tanzsprache und Orientierung der Bienen, Springer Verlag – Der berühmte Verhaltensforscher entschlüsselte im 20. Jahrhundert nicht nur den Bienentanz, sondern auch ihre Fähigkeit, Farben zu unterscheiden. Seine Arbeiten bilden bis heute die Grundlage unseres Wissens über die Wahrnehmung von Bienen.
- Lars Chittka (2022), The Mind of a Bee, Princeton University Press – Der Verhaltensbiologe erforscht seit vielen Jahren die Wahrnehmung und das Lernverhalten von Bienen. In seinem Buch beschreibt er unter anderem, wie Bienen Farben sehen und warum sich Blüten im Laufe der Evolution an ihre Bestäuber angepasst haben.







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